← Zurück zum Blog

Körper & Performance

Der Gleiter und der Verdränger – warum Höchstleistung sich nie wie Kampf anfühlt

25 Jahre am OP-Tisch, am Berg und auf dem Wasser haben mir eine Sache beigebracht, die dem widerspricht, was die meisten über Leistung glauben: Das Beste, was ich je geleistet habe, war nie das Anstrengendste.

Dr. Carsten Stüer Juli 2026

Es gibt zwei Arten von Booten, und sie erklären fast alles über Leistung.

Der Verdränger stampft durch die Wellen. Er hat einen schweren Kiel, er drückt das Wasser zur Seite, er arbeitet gegen die See – mit voller Kraft, und kommt trotzdem nur langsam voran. Je härter der Wind, desto mehr stampft er.

Der Gleiter macht etwas anderes. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit hebt er sich aus dem Wasser und gleitet über die Oberfläche, wie ein Surfbrett. Er fährt nicht gegen die Wellen – er fährt über sie. Doppeltes Tempo, ein Bruchteil der Mühe. Bei fünf, sechs, sieben Windstärken gleitet er dahin, weil er den richtigen Kurs gewählt hat, und nichts stoppt ihn.

Beide sind schnell unterwegs. Nur einer zerstört sich dabei nicht.

Ich habe die erste Hälfte meines Lebens als Verdränger verbracht. Und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass die besten Momente meines Lebens – ausnahmslos – Gleiten waren.

Wie sich Gleiten anfühlt

Ein kalter Morgen am Berg. Vierzig Zentimeter Neuschnee. Du bist aufgestiegen, die Sonne strahlt, der Himmel ist tiefblau, und vor dir liegt eine karge weiße Weite – kein Baum, keine Spur, nur sanfte Flächen. Drei, vier kurze Schwünge zum Einstieg, und dann trägt es dich. Fast widerstandslos, ein leichtes Federn, rhythmisch, fünf Minuten bergab. Am Ende ein Freudenschrei, und der Kopf ist vollkommen leer. Dann steigst du wieder auf – für dasselbe Gefühl, noch einmal.

Der Körper in diesem Zustand ist leicht, fast schwerelos. Wie fliegen, als wäre die Schwerkraft kleiner. Die Sorgen fallen weg, weil das positive Körpergefühl alles andere überlagert.

Und jetzt kommt der Punkt, den fast alle falsch verstehen: Das ist kein Entspannungszustand.

Es ist das Gegenteil von Nachlassen. In diesem Moment bin ich maximal konzentriert, maximal wach, mein ganzer Fokus liegt auf dem Erhalt genau dieses Zustands. Leicht und höchst angespannt zugleich. Mühelos und hellwach.

Der Fallschirmsprung zeigt es am klarsten. Am Anfang der Ausbildung steigst du aus dem Flugzeug, und dein Körper lehnt sich mit aller Macht gegen diese unphysiologische Bewegung auf. Du überschlägst dich, machst Salti, kämpfst gegen die Luft, bis du kurz vor dem Öffnen des Schirms halbwegs stabil bist. Reiner Verdränger.

Wer es gelernt hat, macht es anders. Du steigst aus, gehst entspannt ins maximale Hohlkreuz, formst mit dem Körper eine leichte Doppel-S-Kurve – und bist nach wenigen Sekunden vollkommen stabil. Du fällst mit 250 Sachen und musst gegen nichts mehr ankämpfen. Du schaust auf die Uhr, machst deine Bewegungen und genießt die Aussicht.

Gleiche Geschwindigkeit. Gleicher Ernst. Gleiche Gefahr. Entgegengesetzter Zustand. Der eine kämpft gegen die Physik, der andere nutzt sie. Das ist der ganze Unterschied zwischen Verdränger und Gleiter – und er entscheidet nicht über das Tempo, sondern über den Preis.

Der Körper weiß mehr als der Kopf

Es gibt einen Satz, den jeder Ausdauersportler kennt: In dem Moment, in dem du denkst „ich kann nicht mehr", hast du erst rund 40 Prozent deiner Reserven verbraucht. Das „Ich kann nicht" ist fast nie der Körper. Es ist der Kopf.

Ich habe das oft genug am eigenen Leib gemessen, um es zu glauben.

Auf der Mitteldistanz im Triathlon, Kilometer 80 auf dem Rad, der letzte Anstieg vor dem Wechsel – und statt der erwarteten Qual dieses Staunen, wie flüssig und leicht es plötzlich geht. Oder nach dem Wechsel auf den abschließenden Halbmarathon, wo ich dachte, jetzt ist der Tank leer, und dann einen erstaunlich schnellen, sauberen Pace laufe.

Am eindrücklichsten am Berg. Ein langer Tag, zwischen dreieinhalb- und viereinhalbtausend Metern, schon spürbar unter Sauerstoffmangel, der Körper leistet Schwerstarbeit. Im Aufstieg denke ich: nur noch drei Kehren, dann bin ich fertig. Und irgendwann stehe ich doch oben. Am Ende des Tages, nach zweitausend Höhenmetern, schaue ich auf die Uhr, um die Herzfrequenz zu sehen – und sie war nicht, wie gefühlt, bei 165. Sie lag entspannt im mittleren 140er-Bereich. Der Körper hat über zehn Stunden gar nicht so hart gearbeitet, wie der Kopf behauptet hat. Das Mentale war im Vordergrund, nicht das Körperliche.

Das ist keine Aufforderung, sich kaputtzubeißen. Es ist etwas Wichtigeres: Dein „ich kann nicht mehr" ist meistens kein Messwert. Es ist eine Meinung. Und Meinungen darf man überprüfen – nicht mit Gewalt, sondern indem man ihnen einen Schritt weit nicht glaubt und schaut, was der Körper wirklich sagt.

Woran ich merke, in welchem Modus ich bin

Die beiden Zustände fühlen sich körperlich völlig verschieden an, und ich kann sie inzwischen mitten in der Bewegung auseinanderhalten.

Stampfen ist angespannte Muskulatur. Bei mir sitzt sie im Nacken und rechts neben der Wirbelsäule im unteren Rücken. Die Schultern wandern nach oben, ich muss aktiv gegensteuern, um sie zu senken. Die Atmung ist flacher und schneller, der Puls leicht erhöht. Das Verräterische: Diese Anspannung meldet sich oft zwei Tage, bevor etwas ansteht, das ich bewusst noch gar nicht auf dem Schirm habe. Mein Körper weiß vor mir, dass ich gleich stampfe. Ich kann die Uhr danach stellen.

Gleiten ist ein Sich-fallen-lassen-Können. Ich atme aus, entspanne, spüre Leichtigkeit, kann mich zurücklehnen. Ich werde verspielt, habe verspielte Gedanken. Die Gesichtszüge lösen sich, die Stirnfalten werden weniger, die Augen treten hervor statt sich zu verengen. Keine stressgetriebene Nervosität, kein Kurz-vor-dem-Ausflippen, weil es nicht weitergeht. Ich kann den Zustand genießen. Er ist unglaublich angenehm, und ich fühle mich frei.

Das Nützliche daran: Der Körper ist ein ehrlicherer Anzeiger als der Kopf. Der Kopf kann sich einreden, alles laufe gut. Der Nacken lügt nicht.

Wie man das Gleiten möglich macht

Hier kommt der Teil, den die meisten überspringen, weil er unspektakulär ist – und der doch alles entscheidet.

Gleiten ist kein Zufall und kein Geschenk der Stimmung. Es hat Bedingungen, und die stelle ich her, bevor der Moment kommt.

Der Grundsatz: Die Hardware ist vorher fertig. Beim Segeln oder Windsurfen mache ich im entscheidenden Augenblick keinen Knoten mehr, hole kein Tampen heraus. Beim Skifahren stelle ich nicht plötzlich noch eine Bindung fest, richte keine Stockschlaufe, schließe keinen Schuh. Das ist alles vorher erledigt. Punkt.

Was im Moment selbst bleibt, ist nur noch das Feine: die aktuellen Bedingungen optimal ausrichten. Auf dem Wasser prüfe ich Kurs und Segelstellung und bringe mich mit etwas Körpertrimm in den optimalen Zustand. Auf der Piste wähle ich den Abschnitt mit dem richtigen Gefälle, achte darauf, dass wenige andere unterwegs sind, und erkenne Gefahren, bevor sie mich aus dem Flow werfen. Im OP frage ich: Ist das Team optimal, ist das Material ausgerichtet? Dann muss ich kaum noch etwas sagen oder greifen und kann widerstandslos arbeiten.

Das ist die Lehre, und sie ist unbestechlich: Die Leichtigkeit im entscheidenden Moment ist kein Willensakt. Sie ist das Ergebnis der Vorbereitung, die niemand sieht. Wer im Augenblick des Gleitens noch am Knoten nestelt, gleitet nicht. Der Gleitzustand gehört dem, der vorher gebaut hat.

Der Grüne-Ampel-Test

Ich habe ein einfaches Bild, um im Alltag zu erkennen, in welchem Modus ich bin.

Gleiten ist, wenn alle Ampeln grün sind. Es läuft, problemlos, fast ohne mein Zutun, und ab und zu kreuzt ein kleines Wunder meinen Weg, das ich wie eine reife Kirsche pflücke und genieße.

Stampfen ist, wenn die Ampeln rot sind – und ich trotzdem fahre. Ich wünsche mir, dass es läuft, ich riskiere, ich fahre über die gerade noch gelbe Ampel und rede mir ein, ich sei superschnell. Über die kirschgrüne Ampel zu rasen und es Tempo zu nennen: Das ist der Verdränger in Reinform. Der Gleiter wartet die grüne ab – und ist trotzdem früher da.

Und es gibt einen zweiten, leiseren Anzeiger: die Intuition. Manchmal lenkt mich etwas nach links, ich gehe trotzdem rechts, und kurz darauf kreuzt genau dort etwas meinen Weg, das mich bremst. Gegen die eigene Intuition zu fahren, ist selbsterzeugter Widerstand. Sie gehört zur Hardware, nicht in die Esoterik-Schublade.

Was der Körper übers Leben weiß

Am Ende ist das keine Geschichte über Sport. Es ist eine Geschichte darüber, wie man arbeitet, führt und lebt.

Denn dieselben zwei Modi gibt es überall. Ich habe das „ich kann nicht mehr" nicht nur auf dem Rad gespürt, sondern viel öfter im beruflichen und privaten Alltag: Was, wenn das Geld nicht reicht? Wenn ich nicht mehr gut genug bin? Wenn es nicht klappt? Und fast jedes Mal, wenn ich diesem Gedanken nicht sofort geglaubt habe, hat der Körper – und das Leben – weiter funktioniert, sich Reserven geholt, den nächsten Schritt getan.

Wir verwechseln Anstrengung mit Wert. Wir glauben: Je härter es sich anfühlt, desto mehr leiste ich. Und so stampfen wir gegen Widerstände, die wir zum Teil selbst erzeugen – der Deal, der sich schnell auszahlen soll und nur Kraft kostet; die Abkürzung, die der längste Weg ist; das ständige Gegen-etwas statt Mit-etwas.

Dabei ist die eigentliche Aufgabe eine andere, und sie ist dieselbe wie beim Segeln: die Hardware vorbereiten, damit der Moment gleiten kann. Im Leben heißt diese Hardware Gesundheit, verlässliche Menschen, Ordnung in den Dingen, ein Ort, an dem Ruhe herrscht, Vorsorge – die Bindungen, die man vorher festzieht, damit man auf der Piste nicht mehr an sie denken muss. Wer das gebaut hat, für den geht es „nur noch" ums Erleben, ums Gestalten, ums Leben selbst.

Und das Schönste, was mir mein Körper beigebracht hat, ist das hier: Gleiten ist keine Belohnung, die am Ende des Weges wartet. Es gibt keinen fertigen Zustand, in dem man endlich gleitet – der Tiefschneehang ist nie „fertig", der Kurs ist immer zwischen zwei Punkten, der Fallschirm genießt die Aussicht mitten im Fall. Gleiten ist nicht das Ziel der Reise. Es ist die Art zu reisen.

Die Frage ist also nie, ob du hart genug kämpfst.

Die Frage ist, ob du gerade stampfst – oder gleitest. Und ob du bereit bist, den Kurs zu wählen, der dich trägt, statt den, der nur kürzer aussieht.

Nicht die Kraft entscheidet. Der Kurs entscheidet.

Newsletter

Klarheit unter Druck – regelmäßig in dein Postfach.

Gedanken zu Entscheidungen, Performance und der ungeschönten Realität des Unternehmertums. Kein Motivations-Blabla.

Zum Newsletter